Blatt für Blatt

Wieder war es Herbst geworden, ein frischer Wind trieb seit dem Morgen die braunen, sich krümmenden Blätter durch die Strassen. Am Spätnachmittag regnete es und das die Gehsteige tapezierende Laub wuchs zu einem einzigen Teppich. Die Menschen hasteten eilig darüber hinweg und die Luft schien zu einem einzigen Niesen anzuschwellen.

Angesichts des hin und her strebenden Menschenschwarms, fiel ein alter Mann auf, der es sich auf dem Gehsteig bequem gemacht hatte. Dieser achtete nicht darauf, daß die Regenfäden seine abgetragene Jacke attackierten, ganz im Gegenteil wühlte er voller Hingabe in den nassen Blättern und packte sich sogar einige aufs gelichtete Haupt.

Die meisten der Vorbeigehenden hielten es nicht einmal für erforderlich, das berühmte Fingerzeichen an die Stirn auszuführen. Nur einige wenige, gut behütet unter ausladenden Schirmen, widmeten sich diesem seltsamen Alten und seinem Tun.

Ein sorgfältig gepflegter Herr mit überdimensionaler Hornbrille, hielt es schließlich für seine Pflicht, die Diskussion zu eröffnen.

„Sagen sie bitte“, so formulierte er, „ist es ihnen bewußt, daß sie ein öffentliches Ärgernis darstellen“.
„Ein öffentliches Ärgernis bin ich auch so“, gab der Alte unbekümmert zurück, „ich bin über die Siebzig, lebe noch immer und verfresse auf Staatskosten meine Rente“.
„Was erdreisten sie sich“, schnaufte die Hornbrille, „gerade das Alter sollte der Jugend immer zum Vorbild dienen“.
„Ich genieße nur den Herbst meines Lebens, und auch in dieser Form“, kicherte der Alte,
„das ist doch wohl nicht zu verbieten! Wer weiß ob sie sich nicht schon im Winter des
ihrigen befinden und ihr Ende ganz nah ist. Weiß mans“? Er grinste listig und schob
einen Haufen Blätter vor die Schuhe seines Widerparts.

Dieser wurde krebsrot, raffte seine Kollegmappe, an der er wild herum geknetet hatte und eilte spornstreichs fort. Dabei wurde ihm eine von herunter gefallenen Blättern verdeckte Pfütze zum Verhängnis. Sein Ausgleiten folgte unvermeidlich, unvermeidlich blieb leider auch die heran rollende Strassenbahn. Das klägliche Geheul eines Krankenwagens zerstreute das Grüppchen, welches den Alten umringt hatte.
Dieser indes rupfte vergnügt ein welkes Blatt auseinander, bis er nur noch den Stiel in der Hand hielt.

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